Tasmanien, Teil 6: Port Arthur
- 17. Dez. 2017
- 5 Min. Lesezeit
Heute haben wir endlich geschafft uns aktiv mit der australischen Geschichte zu beschäftigen. Wir haben Kultur auf unserer bisherigen Reise eher in die zweite Reihe gestellt, da uns die Natur und die Landschaften Australiens am allermeisten fasziniert haben. Aber wir wollten von Anfang an auch ein altes Gefängnis anschauen und das haben wir heute gemacht!
Port Arthur war die größte Sträflingsanstalt der ehemaligen Gefangenenkolonie Australiens und galt als einer der schlimmsten Orte, an denen convicts gelangen konnten. Die Bestrafungsmethoden waren brutaler als sonst irgendwo in Australien und aus dem Ort schien eine erfolgreiche Flucht ein Ding der Unmöglichkeit. Gelegen auf einer natürlichen Halbinsel war Port Arthur auch auf natürliche Weise schon ein Gefängnis: nur durch eine 30 Meter schmale und 400 Meter lange Landzunge war die Peninsula mit dem Festland verbunden, auf der hunderte scharfe Hunde (The Line) an Pflöcken platziert wurden und ein Durchkommen unmöglich machten. Durch gezielt gestreute Gerüchte von unzähligen Haien im Meer wurden die Gefangenen zusätzlich abgeschreckt, Fluchtversuche zu unternehmen. Trotzdem gab es zahlreiche Ausbruchsversuche, die dokumentiert wurden und zum Teil mittlerweile publiziert sind.

Nach Tasmanien (damals noch Van Diemen's Land) wurden nur die Gefangenen geschickt, die in England mehrfach straffällig geworden waren oder Höchststrafen bekommen hatten. Nach Port Arthur wurden von 1833 bis 1850 aber vor allem diejenigen geschickt, die während ihrer Zeit in Australien wiederholt straffällig oder in anderen Gefängnissen aufsässig wurden oder in manchen Fällen auch Sträflinge, die in anderen Lagern nicht mehr unterkamen. Jeder fünfte Convict war eine Frau und zahlreiche Kleinkinder kamen mit ihren verhafteten Eltern ins Land, von denen nur die wenigsten wieder nach England zurückkehrten. Zum Hauptlager in Port Arthur zählten neben dem Festland noch zwei weitere Inseln: Die Insel der Toten und die Insel der Jungen, ein Jugendgefängnis, in das Jungs ab neun Jahren inhaftiert wurden. Im 19. Jahrhundert war es in England (und nicht nur dort) üblich, dass Kinder ab dem siebten Lebensjahr strafmündig waren und mit neun Jahren konnten sie nach mehrfacher Straffälligkeit in die Verbannung nach Australien geschickt werden. Viele der Jungs und Männer, die am Ende nach Port Arthur kamen waren ursprünglich wegen Diebstahl von zum Beispiel einem Laib Brot oder Spielzeug für mindestens sieben Jahre verbannt worden, man kann in Port Arthur Akten durchblättern, die das in vielen Fällen belegen (natürlich gab es auch "richtige" Straftäter mit deutlich schlimmeren Delikten, die für ihr ganzes Leben in die Verbannung geschickt wurden). Solch eine Verbannung hieß in Wirklichkeit fast immer, dass man seine Familie in der Heimat niemals wieder sehen würde, denn niemand konnte sich nach sieben Jahren Zwangsarbeit die Rückreise leisten. Nur die wenigsten kamen zurück, irgendwann am Ende ihres Lebens, nach jahrelangem Sparen. Port Arthur ist ein besonders gutes Beispiel für den Übergang von physischen und psychischen Bestrafungsmethoden, der im 19 Jahrhundert typisch für den britischen Strafvollzug war. Massive Auspeitschungen (200 Schläge waren keine Seltenheit) und andere körperliche Züchtigungen waren in den ersten Jahren die Maßnahme, die bei Fehlverhalten und anderen Delikten angewendet wurde. Später wurde diese Politik zugunsten psychischer Strafen geändert, man hatte die Erfahrung machen müssen, dass Schläge bei vielen Gefangenen eher eine Verhärtung als eine Verhaltensänderung bewirkten. Der neue Ansatz war, die Gefangenen teilweise bis zu einem Jahr in Einzelhaft zu isolieren und sie durch den Entzug ihrer Sinnesreize zu brechen. Ziel war, sie ihrer Identität zu berauben. Man nahm ihnen die Kleidung wie auch den Namen, sie wurden an Kopf und Körper geschoren und zunächst geknebelt. Dem folgte die Strafe der Stille. Bis zu einem Jahr wurden die convicts in isolierte Einzelzellen gesperrt und hörten teilweise kein einziges Wort. Sie wurden höchstens von ihren Wärtern mit einer Nummer angesprochen, die ihnen als Namensersatz gegeben wurde. Sie selbst durften kein Geräusch von sich geben, sahen und hörten Niemanden und waren für Monate mit sich selbst konfrontiert. Man wollte die Gefangenen damit dazu bringen, sich ihrer Taten bewusst zu werden und Reue zu entwickeln. Dies wurde als human und fortschrittlich angesehen. Zeitweise galt das Modell aus Port Arthur als besonders vorbildlich für die Reform des britischen Strafsystems.

Von 1830 bis 1850 waren durchschnittlich 12.500 Gefangene in Port Arthur inhaftiert, mal mehr, mal weniger. Heute kann man den Haupttrakt des Gefängnisses noch besuchen, genauso wie das ehemalige Krankenhaus, den Hafen und die Wohnungen der Angestellten und deren Familien, die ebenfalls auf dem Gelände lebten. Neben den Tausenden Sträflingen kamen Hunderte Soldaten und Gefängniswärter hinzu. Da es in den letzten zwei Jahrhunderten mehrere verheerende Buschfeuer in der Region gegeben hat, sind die meisten Hütten und Häuser heute nicht mehr erhalten. Trotzdem bekommt man einen guten Eindruck von den Dimensionen des Lagers, während man das Gelände besichtigt. Vor allem die 1884 abgebrannte Kirche, die nur noch in ihren Grundmauern steht, ist ein eindrückliches Dokument der kleinen Gesellschaft.
Die Zwangsarbeit in Port Arthur basierte vor allem auf Industrien wie Holzfällerei, Schiffsbau, Kohlebergbau und der Schuhherstellung. Chemieunfälle standen an der Tagesordnung und wurden in den Krankenakten im Krankenhaus dokumentiert. Im Museum gibt es heute die Möglichkeit, umfangreiche Convictakten zu lesen. Die Wege vieler ehemaliger Sträflinge von England nach Australien sind mittlerweile aufgearbeitet und publiziert. Dicke Passagierbücher, die die Ankunft in Australien und auch in Tasmanien dokumentieren, helfen vielen Australiern bei der Ahnenforschung, die hier zum Hobby geworden ist und natürlich gute Chancen auf Erfolg verspricht, bei so einer relativ kurzen Geschichte der weißen Besiedlung. Nachdem die Strafanstalt 1877 geschlossen wurde, entwickelte sie sich ziemlich schnell zum Touristenmagneten. Der Mythos um den brutalen Ort und der grausame Ruf Port Arthurs weckte die Neugierde. Kurz nach der Schließung wurde der Ort Port Arthur umbenannt, um die Geschichte, die gerade erst vorbei war, in den Hintergrund zu stellen oder gar in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch der Ablenkungsversuch scheiterte an den Menschen, die den Ort nun für sich entdeckten: Zum einen die Touristen und zum anderen die ehemaligen Sträflinge. Es kehrten nämlich viele von ihnen an diesen Ort zurück! Sie hatten nach ihrer Freilassung vergeblich versucht Anschluss in der Gesellschaft zu finden. Aber sie fanden keinen Platz für sich und viele von ihnen waren in den letzten Jahren alt geworden. Deswegen kehrten sie zurück und bezogen ihre alten Hütten, in denen sie wenige Jahre vorher noch gefangen gehalten wurden. Gemeinsam wurden sie hier alt, kümmerten sich umeinander, wenn sie krank wurden und starben schließlich. Man kann sich vorstellen, in welch verzweifelten Situation sich ehemalige Gefangene befunden haben müssen, dass sie freiwillig wieder in ihr ehemaliges Gefängnis zurückkehrten.
Der aufkommende Tourismus schadete dem heutigen Erinnerungsort leider sehr. Zwar sorgte er dafür, dass Port Arthur heute wieder Port Arthur heißt, man sich seiner Vergangenheit kritisch annahm und das ehemalige Gefängnis zu einem Freiluftmuseum, einer Erinnerungsstätte und Forschungszentrum geworden ist, aber die Leute liefen Souvenirs stehlend über das Gelände, nahmen Inventar, Möbel, Türen und Fenster mit nach Hause. Das Museum ist dementsprechend nicht sehr reich bestückt, vieles fehlt heute und vieles wurde, wie schon geschrieben, von Naturkatastrophen vernichtet.
Hier kommen jetzt noch ein paar Fotos:
Der Wachturm:



Wohngebäude des ehemaligen Personals:


Der Zellentrakt des Gefängnisses:




Und die seit 1884 abgedeckte Kirche:























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